“Germania facile princeps”?: Das deutsche Bildungswesen und die Weltausstellungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts

Klaus DITTRICH

Research output: Contribution to journalArticle

Abstract

Es konnte gezeigt werden, dass deutsche Bildungsexperten aus drei verschiedenen, manchmal sich erganzenden, manchmal sich einander ausschließenden Grunden zu den Weltausstellungen gefahren sind. Zum ersten stellten sie das deutsche Bildungswesen mit dem Anspruch aufdessen Uberlegenheit einem auslandischen Publikum vor. Zum zweiten forcierten sie internationale Kooperation, um den Bildungsstandort Deutschland zu starken. Zum dritten boten Weltausstellungen eine Moglichkeit, um im Ausland etwas fur Deutschland zu lernen. Dies entspricht drei verschiedenen transnationalen Handlungsoptionen im Kontakt mit auslandischen Experten. Reprasentation, Kooperation und Aneignung stellen als Motivationen ein allgemeines Muster dar, welches erklart, warum Akteure mit Expertenstatus im spaten 19. und fruhen 20. Jahrhundert die Grenzen ihres eigenen Nationalstaates uberschritten.
Welche Spezifika lassen sich bezuglich der Motivationen deutscher Bildungsexperten, nationale Grenzen zu uberwinden, herauslesen? Im Vergleich mit Experten aus anderen Landern nutzten deutsche Fachleute Weltausstellungen nur in geringem Maße dazu, um vom Ausland zu lernen. Fur franzosische, japanische und amerikanische Bildungsexperten waren insbesondere die 1870er Jahre eine Zeit verstarkten transnationalen Austauschs. An dieser Konjunktur nahm das Deutsche Reich nicht teil, was auf den bereits hohen zeitgenossischen Institutionalisierungsgrad des deutschen Schulwesens zuruckzufuhren ist. Das bestatigt die Vermutung, dass transnationale Rezeptions- und Institutionalisierungsprozesse eher von historisch relativ unentwickelten und nicht von entwickelten Strukturen ausgingen, und daher Deutschland fur andere Lander oft eine zentrale Referenz war, deutsche Experten jedoch nur wenig an Entwicklungen im Ausland interessiert waren. Nur eine Minderheit nutzte auslandische Exempel, um auf den deutschen Reformbedarf hinzuweisen. Mit den starken und gut vorbereiteten Ausstellungen als Strategien zur Reprasentation deutscher institutioneller Errungenschaften sowie zur internationalen Kooperation um die Jahrhundertwende verhielten sich deutsche Bildungsexperten ahnlich wie ihre Kollegen der anderen imperialen Gesellschaften. Preußen nahm es zu dieser Zeit fur sich in Anspruch, das gesamte deutsche Bildungswesen zu reprasentieren und ließ nur wenig Raum fur andere Bundesstaaten. Es konnte auch gezeigt werden, dass Weltausstellungen eine zentrale Rolle fur transnationale Expertenkommunikation im Bildungssektor gespielt haben. Die großen internationalen Ausstellungen fungierten als Metamedien.67) Sie schlossen internationale Konferenzen, den Besuch von Bildungseinrichtungen vor Ort, den Kontakt mit auslandischen Kollegen, Publikation und Zirkulation von Literatur sowie die Errichtung von Schulmuseen mit ein. Diese Rolle fur den professionellen Austausch von Ideen haben die Weltausstellungen des spaten 20. und 21. Jahrhunderts verloren.

This contribution discusses German education at world exhibitions during the second half of the nineteenth century. All great international exhibitions of that period comprised sections that were specifically dedicated to education where the participating nations presented their educational institutions, from kindergartens and primary schools to universities and science. In this way, world exhibitions brought together education experts from all over the world. They were one of the foremost vehicles for the transnational circulation of educational knowledge.
This contribution analyses with which motivations German education experts frequented world exhibitions. It is argued that education experts frequented these exhibitions for three reasons. Firstly, they wanted to show the alleged superiority of German education. This took place in a context of competition between imperial societies, as the French historian Christophe Charle has suggested. The German educational exhibits of the mid-nineteenth century stressed the high standing of primary schools in the German states. At the turn of the century, the emphasis shifted to higher education when organisers staged German universities as the original and therefore superior incarnation of universities. Secondly, German education experts participated in world exhibitions in order to initiate projects of international cooperation. Their goal was to establish Germany as a central node in international academic networks and, in this way, to strengthen the position of German academia in the world. Madeleine Herren’s concept of governmental internationalism allows to adequately analyse this option. Thirdly, German education experts frequented world exhibitions in order to learn from abroad. Foreign knowledge that educators got in contact with at the exhibitions contributed to institutionalisation processes in Germany. The concept of cultural transfers provides the best tool to describe these appropriations. German education experts who used the exhibitions in this way usually made claims for a stronger emphasis on technical and practical elements in education.
It is suggested that these three transnational practices of representation, cooperation and appropriation offer a general pattern to analyse the activities of expert actors when crossing the boundaries of their own nation during the phase of globalisation that was the late nineteenth and early twentieth century. Copyright © 2012 한국독일사학회.
Original languageGerman
Pages (from-to)103-131
JournalKorean Journal of German Studies
Volume23
Publication statusPublished - Jun 2012

Citation

Dittrich, K. (2012). “Germania facile princeps”?: Das deutsche Bildungswesen und die Weltausstellungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Korean Journal of German Studies, 23, 103-131.

Keywords

  • Weltausstellungen
  • Bildungspolitik
  • Transnationale geschichte
  • Imperiale konkurrenz
  • Internationalismus
  • Kulturtransfer
  • Alt. title: “Germania facile princeps?”: German education at world exhibitions during the nineteenth and early twentieth century